Feeds:
Beiträge
Kommentare

Alltag anders

Hallo alle zusammen auf der anderen Seite des Internets.

Erst einmal möchten wir uns bedanken für all eure lieben Nachrichten, Emails und Anrufe, die uns in den den letzten Tagen erreicht haben, und die uns viel Trost und Kraft gegeben haben. Viel kann man in solchen Situationen ja nicht machen, auch hier vor Ort nicht. Doch gegenseitige Unterstützung und nachsichtige Fürsorge helfen uns und allen anderen hier wirklich wahnsinnig dabei, durch den Tag zu kommen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie eng eine Gemeinschaft in solchen Zeiten zusammenstehen kann. Selbst die sonst grummeligen Kassierer vom Kiosk gehen fast zärtlich mit uns um, als ob sich alle auf einmal wieder der Nichtigkeit der kleinen ob der großen Probleme bewusst geworden sind. Unsere Kollegen erkundigen sich täglich per Whatsapp nach unserem Befinden, wie die Nacht war, ob es uns gut geht, ob wir in Sicherheit sind, wenn es heikel wird, informieren uns über angekündigte Aktionen, bieten uns an, die Nächte mit ihnen zu verbringen, stellen sicher, dass wir uns richtig verhalten… Auf Arbeit wird gerade viel einfach nur geredet, man nimmt sich die Zeit, im Flur inne zu halten und zu fragen, wie der Kollege aus dem Nachbarlabor die Nacht überstanden hat. Es hilft zu reden, um zu verarbeiten. Daher noch einmal: danke für eure vielen Nachrichten!

Ein Rückblick

Die letzte Woche hat kein Zeitgefühl mehr.

Der Anfang der Woche, genauer Sonntag und Montag, war thematisch davon bestimmt, dass Prof. Dan Tawfik aus unserem Department bei einem Kletterausflug ums Leben kam. Martin hatte erst vor Kurzem angefangen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er war ein sehr offener, verbindender, großzügiger Charakter, und so war die Trauerstunde am Sonntag vor unserem Gebäude erfüllt mit äußerst warmen Worten. Außerdem war mein Kollege Guy am Sonntag nach Jena geflogen, und so war ich viel damit beschäftig, ihm aus der Ferne beim Ankommen behilflich zu sein.

Und dann kam der Dienstag. Einige aufmerksame Nachrichtenleser hatten mich zu diesem Zeitpunkt bereits kontaktiert, aber in der Tat war der Dienstag für mich ein stinknormaler Arbeitstag, und die Raketen im Süden habe ich als „wie gewöhnlich“ wahrgenommen. Martin hatte noch ein Skype-Date, und so bin ich alleine nach Hause gelaufen. Da ich mit dem Essen auf ihn warten wollte, hatte ich mir eine Yoga-Routine aus dem Internet angemacht, und war gerade im Hund oder so, als es über mir laut rumste und gleichzeitig der Raketenalarm in Rehovot losheulte. Ich muss zugeben, dass ich wie ein aufgeschrecktes Eichhörnchen durch die Wohnung geflitzt bin, auf der Suche nach dem besten Ort. Unsere Wohnung und unser Haus hat keinen Schutzraum oder Keller, und der Hausflur hat eine Außenwand mit Fenstern, und so landete ich in unserem Eingangsflur, da dieser keine Außenwand und keine Fenster hat. Draußen heulte und rumste es, die Fensterscheiben klirrten, und ich schrieb Martin nur ein knappes „Hallo?“ beantwortet von einem „Conny?“. Nach ein paar Minuten hörte es auf, und die Nachbarn waren draußen im Treppenhaus zu hören auf dem Weg in die Wohnung unter uns. Martin war zur selben Zeit auf der Hauptstraße von Rehovot in einem Hausflur von irgend jemandem untergekommen, gemeinsam mit anderen Passanten und einer Ladung Leute aus einem Linienbus. Viele weinten und waren auch sichtlich geschockt. Dann kam eine zweite Welle, wieder Explosionen und die Sirenen. Nur wenige Minuten später schon sah Martin, wie Leute an ihre Tische im Restaurant zurückkamen und weiteraßen. Ich habe stattdessen den restlichen Abend gebraucht, um wieder einigermaßen klar zu kommen, und meine Gefühle wieder in den Griff zu bekommen. Uns erreichte eine Flut an Nachrichten von den Kollegen und denen von euch, die in der Tagesschau den Alarm in Tel Aviv life gesehen hatten. Guy hatte mir geschrieben, ich solle essen und trinken, und so versuchten wir es mit einem Abendbrot, auch wenn ich keinen Appetit hatte. Da es schon spät war, bauten wir schon bald unsere Wohnung um (Rolladen runter gegen die Druckwellen, alle Türen zu, die Matratze in den Flur, und die Gästematratze vor die Wohnzimmertür mit der eingesetzten Glasscheibe), und schnell war ich eingeschlafen… ich war hundemüde. Gegen 3 Uhr nachts wurden wir von einem weiteren Krachen über uns munter, dann heulte die Sirene los, die Frau über uns rannte die Treppen runter zur Nachbarin unter uns, wir zogen die Decke bis ans Kinn, dann kamen die Explosionen. Angeblich kann man akustisch unterscheiden, ob es das Geräusch ist, was entsteht, wenn die paaweise eingesetzten Luftabwehrraketen (der „Iron Dome“) eine Rakete treffen und in der Luft zerstören, oder ob es ein Einschlag ist (z.B. werden Raketen, die auf unbewohntem Gelände wie Feldern landen, nicht abgefangen). Als es endlich vorbei war, schliefen wir mit etwas Verzögerung wieder ein. Gegen 5 Uhr nachts wiederholte sich das ganze noch einmal, da war ich aber so müde, dass ich kaum noch aufgeregt war.

Viele schliefen in den nächsten Tag hinein, da die Nacht kurz gewesen war und alle übermüdet waren. Die meisten meiner Kollegen haben keinen Schutzraum oder Keller, und haben sich jedes Mal mit Kind und Kegel ins Treppenhaus geflüchtet. Viele ziehen sich gleich so an, dass sie mitten in der Nacht aus dem Bett ins Treppenhaus zu den Nachbarn stolpern können, und haben vielleicht noch einen Beutel mit Wasser und Snacks parat, den sie an der Tür schnell mitnehmen können. Wir beschlossen, auf Arbeit zu gehen, da es dort definitiv sicherer ist. Auf dem Weg dorthin merkte ich mir alle möglichen Hauseingänge, in die man sich spontan flüchten könnte. Wir inspizierten die Schutzbunker auf dem Campus, an denen wir vorbei liefen (solide Dinger, mit Toiletten und einer Treppe nach unten zu einem großen Raum). Es waren wenige auf Arbeit, die Schulen und Kindergärten wurden geschlossen, wer in Tel Aviv wohnt, ersparte sich den weiten Weg. Und Martins Kollege Or wurde als Reservist eingezogen. So trafen wir vorrangig die Kollegen ohne Kinder, die in Rehovot wohnen. Martin verbrachte seinen Tag mit diversen Nachrichtenkanälen und auf Twitter während ich mich an der Laborbank mit schönen, einfachen Pipettierarbeiten beschäftigte. Für 18 Uhr war ein weiterer Angriff angekündigt worden, und so fanden wir uns kurz vor 18 Uhr mit Emanuel, Roee und Yuval (alle aus verschiedenen Laboren) auf dem Balkon wieder (dort hört man den Alarm besser), ausgestattet mit Snacks und Bier im warmen Licht der Abendsonne, und redeten über Gott und die Welt und vor allem übers Wandern. Auf dem Hausdach gegenüber baute jemand seine Kamera für schöne Raketenbilder auf. Unter uns direkt vor dem Schutzbunker wartete ein älteres Ehepaar auf Klappstühlen darauf, in den Bunker umzuziehen. Nach einer Stunde verabschiedeten sich die anderen, da sie davon ausgingen, dass da nichts mehr kommen würde. Und wir gingen unsere Sachen zusammenräumen. Wenige Minuten später kam dann doch der Alarm, welchen wir jeder in seinem Flur im Schutzraum verbrachten, Martin allein, ich mit meinem Kollegen Eliran. Das sind solide Räume mit Luftfilter und Treppen, die über alle Etagen miteinander verbunden sind. Wir warteten noch 15 Minuten (in denen die Reste von den abgefangenen Raketen runterfallen), dann gingen wir nach Hause. Nachts wurden wir noch einmal gegen 1 Uhr von einem Alarm aus dem Schlaf gerissen.

Der Donnerstag begann ruhig. Morgens hatte ich ein Gespräch mit meinem Chef. Etwas Laborarbeit, dann stand unser Gruppenseminar an. Doch gegen 15 Uhr heulten wieder die Sirenen. Martin skypte gerade mit seiner Chefin, und ich saß mit der Hälfte unserer Arbeitsgruppe im Gruppenseminar, die andere Hälfte war per Zoom zugeschaltet, inklusive Guy in Jena, so dass dieser auf einmal vor einer leeren Bildfläche saß, da wir uns alle irgendwo hingeflüchtet hatten. Alles sehr skurril.

Gestern, am Freitag, sind wir zum Frühstücken ins Cafe Alma, Normalität spüren. Das Cafe war voll! Hingegen waren die Restaurants am Abend vorher eher leer gewesen. Abends trauen sich weniger, da knallt es öfters, und jeder der Familie im Norden hat, war in den letzten Tagen dorthin geflüchtet. Schizophrenerweise gibt es im Norden zwar seltener Raketenalarm und man schläft besser, aber dafür gibt es mehr Städte mit gemischter arabischer und israelischer Bevölkerung. Rehovot hat übrigens auch eine gemischte Bevölkerung, aber eine russische Mischung. Unruhen gibt es dafür gleich im Nachbarort Ramle – eine beliebte Humus-Quelle – sowie in Lod – der Zug nach Tel Aviv fährt dort durch, bzw. fuhr, momentan ist die Strecke aufgrund der Unruhen gesperrt.

Und heute ist Shabbat. Gegen 3 Uhr bin ich vom Alarm auf Gedera oder Yavne munter geworden. Später, nach dem Frühstück, bin ich bei schönster Sommersonne auf Arbeit gelaufen, um ein Experiment zu beproben. Zweimal wurde ich beim Filtrieren von einem weiteren schweren und langen Raketenangriff unterbrochen, lies alles stehen und liegen, zog für 10 min in den Schutzraum um, und telefonierte dort mit Martin, bis es vorbei war. Dann sammelte Yuval erst mich und dann Martin ein, und wir fuhren zu ihm raus an den Stadtrand zum Grillen. Herrlich! Kebab, Würste, Senf, Sonne, ein Hund zum Kraulen, ein Kardamon-Kaffe, eine Hängematte und ein langer Spaziergang über die Felder bei Sonnenuntergang… alles ohne Alarm. 🙂 Und gleich werde ich noch ein Foto an das Weizmann schicken, welches eine Solidaritätsbekundung vorbereitet, gegen Hass und Gewalt und für mehr Zusammenhalt.

Eigentlich wollte ich in drei Tagen zum Flughafen fahren, um einen PCR Test zu machen, den ich einen Tag später bei meinem Flug nach Berlin vorgezeigt hätte. Haste gedacht. Die meisten internationalen Fluglinien streichen gerade ihre Flüge. Ich hatte gehofft, dass Easyjet noch zwei, drei Tage mit seiner Entscheidung warten würde, aber nein, das wäre auch zu schön geworden. Den Koffer habe ich aber noch nicht wieder weggeräumt!

Ein paar Informationen zum Festhalten

Es bringt zwar effektiv nichts, hilft uns aber trotzdem allen, der Sache irgendwie Herr zu werden: Zahlen, Fakten, Informationen, Sondersendungen, Reportagen, und und und. Hier ein kleiner interner Blickwinkel.

  • Die Homepage „National Emergency Portal“ (wie ich mittlerweile erfahren habe, funktioniert der Link wohl nur intern) ist auf Englisch und versorgt uns mit Hinweisen und Leitfäden und ist in der Tat sehr hilfreich, wenn man als Ausländer auf einmal mit dem Alltag von Krisengebieten konfrontiert wird. Wer lernt schon in Europa normalerweise, ob die Überlebenschance höher ist, wenn man man im oder neben dem Auto den Raketenalarm verbringt?
  • Unter anderem gibt es dort eine digitale Raketenalarmfunktion (auch als App), sowie Übersichten, um nachzusehen, wo und wann gerade die Sirenen heulen. Hier seht ihr die Übersicht für Rehovot:
  • Wie einige schon festgestellt haben, ist das alles hier so nah beieinander. Gleichzeitig macht jeder Kilometer auch einen enormen Unterschied. Sowohl für die Unruhen in gemischten Städten, als auch für die Menge und Häufigkeit an Raketen. Hier seht ihr eine Karte mit verschiedenen Zonen. Wenig überraschend sind die Wohnungspreise in Ashkelon sehr günstig, gefolgt von Ashdod. Wir in Rehovot, aber auch die Menschen in Tel Aviv, sind seltener betroffen, nördlich von Tel Aviv ist die Wahrscheinlichkeit dann immer geringer, dafür nimmt wohl die Häufigkeit von Raketen aus dem Libanon zu.
  • An Morgen nach dem großen Raketenhagel machte die Zahl von 1000 Raketen in den Medien die Runde. Zur Beruhigung (?) landeten allerdings zwei Drittel davon, also ca. 600 bereits in Gaza, von den restlichen ca. 300 wurden ca. 90% vom Iron Dome abgefangen, einige gingen auf Feldern runter, und ab und zu schaffte es dann aber doch eine Rakete durch. Was ich damit sagen möchte ist, dass wir im Prinzip ziemlich gut durch den Iron Dome geschützt sind. Und mit diesem Gedanken erwarte ich nach den Sirenen die Raketen, stressig ist es trotzdem.
  • Medienkonsum ja, aber gut dosiert. Das ist zumindest meine Devise, um hier mit heilen Nerven durch den Tag zu kommen. Die israelischen Nachrichten sind voll von Bildern und Videos, ebenso die sozialen Netzwerke, in denen es voller Raketenabfangvideos wimmelt. Hilfreich sind da eher schon die Emails des Internationalen Offices und des Weizmann-Institutes, die uns z.B. über Angebote zur Stressbewältigung informieren.

Ein letzter Gedanke

Ich habe mir in den letzten Tagen oft diese andere Conny vorgestellt, eine Conny, die zeitgleich irgendwo in Gaza wohnt, nicht an einem coolen Wissenschaftsinstitut arbeitet, auch keinen Schutzraum hat und zwischen Treppenhaus und dem Zimmer mit den wenigsten Fenstern wählen muss, aber dann bei jedem Raketenalarm mit 100% Sicherheit von einer Detonation ausgehen muss, da es keinen Iron Dome gibt, der über ihr in der Luft irgendetwas davon abfängt was da kommt und sie versucht zu beschützen…

Die Weiße Stadt

Es ist Freitag, Martin sitzt auf der Veranda, trinkt Kaffee und „hackt“, wie er liebevoll seine Linux-Stunden nennt, und ich lasse den Morgen im Labor ausklingen (die LC-MS hat Probleme gemacht und brauchte einen Wochenend-Besuch). Mittlerweile ist unser Alltagsleben schon fast wieder normal geworden, wenn man von der Maskenpflicht in der Öffentlichkeit und auf Arbeit und ein paar anderen Dingen absieht. Da wir immer noch keinen israelischen Führerschein besitzen, sind Ausflüge auf den Nahverkehr begrenzt. Und da letzte Woche Pessach war, und alle außer uns nur einen halben Tag gearbeitet haben, beschlossen wir am Donnerstag schon nach dem Mittagessen Feierabend zu machen, und den Nachmittag in Tel Aviv zu verbringen, und die Weiße Stadt zu entdecken…

Sehr lange Zeit war die wichtigste Stadt in der Gegend Jaffa, und die Orangen des Landes wurden als Jaffa-Orangen nach Europa exportiert. Nach und nach entwickelten sich kleinere vorgelagerte Siedlungen, z.B. Neve Tzedek und auch eine weitere Siedlung, welche 1909 in einer Bürger-Abstimmung „Tel Aviv“ (Tel – Hügel/Alt, Aviv – Frühling/Neu) getauft wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg, genauer im Jahr 1925, beschloss der damalige Bürgermeister, die Siedlung Tel Aviv zu einer Art Gartenvorstadt auszubauen. Der schottische Biologe, Botaniker und Stadtplaner Patrick Geddes – welcher bei Thomas Huxleyi studiert hat, bei dem Forscher, der die Alge entdeckt hat, welche Martin und ich gerade studieren! – wurde beauftragt, den Stadtplan für diese Gartenvorstadt zu entwerfen, mit einem gut überlegten Straßennetz und vielen Plätzen zur Begrünung.

Von 1933-1935 kamen viele jüdische Architekten in das damals britische Mandatsgebiet Palästina, nachdem ihnen in Deutschland die Arbeit verboten worden war. So kamen viele am Bauhaus Dessau ausgebildete Architekten nach Tel Aviv, und begannen, den entworfenen Stadtplan mit Häusern im Bauhaus-Stil zu füllen. Das Baugelände war heiß, mit Westwind vom Mittelmeer und sandigem Grund. Entsprechend wurden die Häuser konstruiert: (1) sie stehen auf Stützpfeilern, um die Luftzirkulation zu verbessern, (2) sie haben Flachdächer, welche als Grünfläche bzw. Dachgarten genutzt werden können, (3) bandartige Balkone mit Schürzen, welche Schatten für den darunterliegenden Balkon werfen und (4) weißer Putz, um das Sonnenlicht zu reflektieren. Im Jahr 2003 wurden ca. 1000 der ehemals 4000 Häuser zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt.

Fast 100 Jahre nach dem Bau der Weißen Stadt fuhren Martin und ich mit dem Zug nach Tel Aviv HaShalom, liefen 20 min zum Baushaus Center und buchten für 80 NIS (20 Euro) pro Nase eine Audiotour, so richtig mit Kopfhörern aus den 90ern, so dass einen alle als Touristen erkennen und irritiert anstarren (ausländische Touristen sind seit einem Jahr Exoten in Israel). Das erste, was uns die nette Frau hinterm Tresen sagte, war, dass wir gar nicht hätten den weiten Weg vom Weizmann Institut nach Tel Aviv machen müssen, da doch bei uns auf dem Campus auch mehrere Gebäude im Bauhaus-Stil zu finden seien, so wie das Wohnhaus von Weizmann! Mit einer A4 Karte ausgestattet stiefelten wir also zwei Stunden durch die Straßen rund um den Dizengoff-Platz, drückten Zahlen auf unserem Audioguide und starrten dann konzentriert minutenlang Hausfassaden an! Irgendwann erkannten wir schon von weitem die Häuser, welche durch Volumen statt Masse, Ausgewogenheit statt Symmetrie, ihren praktischen Putz, die Band-Balkone mit Luftschlitzen und ähnliches hervorstachen. Sie waren einfach überall!

In Erinnerungen an unseren Besuch am Bauhaus Dessau vor vielen Jahren schwelgend, fanden wir uns auf unserem Rückweg in einem Biergarten in Sarona wieder, eine ehemalige Siedlung deutscher und schweizer Templer, welche von 1940 an für mehr als 60 Jahre als Militärstützpunkt genutzt wurde (der Funkturm steht auch noch). Das Bier von Weihenstephan war gut, der „Bayerische Snack“ und die „Bayerische Wurst“ essbar, das Sauerkraut war mit Chili verschärft und neben dem Senf gab es Aioli. Ein gelungener Nachmittag! 🙂

Drei Tage wach!

Joho… ich dachte, ich erzähle mal wieder ein bisschen aus unserem Leben. Und was beschäftigt alle gerade? Der Schwanz, der einem eventuell wächst, wenn man sich impfen lässt!

Aber mal langsam. Am 10. Januar beschloss mein Kollege Guy spontan, dass wir unser Glück versuchen sollten, nach Feierabend in die Industrial Zone von Rehovot fahren und uns 15 min vor Zapfenstreich vor dem Impfzentrum anstellen sollten, wenn die Tagesdosis-Impfreste an die Menschen vergeben werden, welche just in diesem Moment zufällig vor der Tür stehen. Gesagt getan!

Und so fuhren wir gegen 19:30 mit dem Auto in die Industriezone, stellten erfreut und überrascht fest, dass nur eine handvoll Menschen vor dem großen weißen Zelt standen, parkten das Auto, und reihten uns in die Schlange ein. Vor uns waren in etwa 8 Menschen vorwiegend jüngeren Alters. Bereits in den 4 min Wartezeit bis 19:45 fand Guy im Smalltalk mit den anderen (in Hebräisch) heraus, dass er keine Impfung bekommen würde, da seine Krankenkasse bereits die Impfplätze geschlossen hatte. Seine Krankenkasse ist etwas kleiner, wohingegen meine Krankenkasse eine sehr große im Land ist, und daher viele Impfdosen besitzt. Nach wenigen Minuten Wartezeit öffnete sich vor uns das Tor, und ein gut gelaunter Mann ließ uns (die gerade mal 10 Wartenden) allesamt hinein. Und drinnen stießen wir zu einer Party! Es war Feierabendstimmung, die Mannschaft hatte ihr Tagessoll von ca. 2000 Impfungen geschafft, und war nun dabei, die Reste zu injizieren, und damit nicht einmal etwas wegwerfen zu müssen. Hochstimmung! Und Gute-Laune-Musik! Und ein kleines bisschen Chaos. 🙂

Guy half beim Übersetzen, und so saß ich kurze Zeit später hinter einem Vorhang auf einem Stuhl vor einem ca. 50-jährigen Arzt, der mich in Englisch (!) alle wichtigen Dinge fragte. Linken Arm hinhalten. Zack, fertig, erste Impfung! Pfizer-Biontech. Wir warteten noch 15 min draußen und sahen zu, wie die Mitarbeiter eine Art Feierabend-Tanz zelebrierten, bevor alle nach Hause entschwanden. Wie auch wir. Als einzige Nebenwirkung hatte ich abends so starke Armschmerzen, dass ich mich nicht auf die linke Seite drehen konnte. Guy hatte mit seiner Krankenkasse nicht so viel Glück, er probierte es noch ein paar Mal, und hatte erst drei Wochen später mit Unterstützung von Freunden Erfolg. Auch andere Kollegen auf Arbeit berichteten an den folgenden Abenden von langen Schlangen. Und Martin wurde irgendwann von einer Kollegin ins Auto gesteckt und in den Nachbarort zum Impfzentrum mitgenommen.

Einmal geimpft, nutzten wir am nächsten Tag das Online-Portal (bzw. Guy nutzte es, da es sehr Hebräisch war), um mir exakt drei Wochen später einen Termin zu reservieren. Da Rehovot ausgebucht war, buchten wir im Nachbarort Nes Ziona. Und so fuhr Guy mit mir am 31.01. morgens in den Nachbarort, wo eine lange Schlange auf uns wartete. Nach ca. 20 min waren wir am Zelteingang angekommen. Diesmal hatte ich einen ca. 60-jährigen Sanitäter, welcher wiederum in Englisch alle Fragen an mich stellte. Zack, fertig, zweite Impfung! Wieder 15 min warten, und fertig war der Lack. Tagsüber wartete ich auf das Einsetzen der angekündigten starken Nebenwirkungen. Ich brachte den Labortag hinter mich, ging mit Guy joggen, und dann sahen wir noch zu dritt mit Martin eine Tanzperfomance, welche live online ausgestrahlt wurde. Und so langsam fing der Arm wieder an zu schmerzen, also wieder eine schlaflose Nacht… am nächsten Tag war ich sehr grummelig, ob nun wegen Schlafmangel oder Impfung ist schwer zu sagen. 😉

Tjaa… und noch einmal 2 weitere schlaflose Nächte und insgesamt 10 Tage später konnte ich mir in der nahe gelegenen Poliklinik einen lustigen Papierausdruck als Impfpass abholen, welchen ich jetzt theoretisch überall vorzeigen kann und muss (zum Beispiel bei unserem 1. klassischen Konzert seit über einem Jahr). Drei Wochen nach dem Erhalt des Papierpasses konnte ich mir online auch einen „Green Passport“ beantragen, der dann auch über eine App mit dem Handy abrufbar ist.

Auf Arbeit war ich damit die zweite Person in der Gruppe, welche geimpft war. Langsam kamen aber alle entweder an die Reihe (wie z.B. mein Chef), ergatterten ein abendliches Überbleibsel, oder waren spätestens nach vier Wochen Terminberechtigt, als alle Beschränkungen aufgehoben wurden. Mittlerweile sind in meiner Gruppe alle geimpft, selbst die Schwangeren/Stillenden. Und als gerade alle von uns ihre 1. Impfung weg hatten, organisierte der Campus einen Impfwagen, welcher seit ein paar Wochen auf dem Campus steht, um den letzten Verbliebenen das Impfen zu erleichtern. Seit letzter Woche darf man tatsächlich nur noch auf Arbeit, wenn man entweder einen Green Passport vorzeigen kann, oder einen aktuellen Negativtest. Die Regulationen bezüglich Mundschutz und Abstand am Arbeitsplatz herrschen allerdings immer noch (die sogenannte „Purple Badge“ Richtlinie).

Es ist Corona. Die Tage kreisen ums Arbeiten, Essen und Schlafen. Die Freizeitaktivitäten sind rar. Da kam uns das eine Woche dauernde Chanukka-Fest (das jüdische Lichterfest, das immer um Weihnachten herum liegt) sehr entgegen. Richtige Feiertage sind es nicht. Wir müssen Urlaub beantragen, aber es lohnt sich!

Dreimal im Jahr, zum einwöchigen Pessachfest, Laubhüttenfest und eben auch zu Chanukka, öffnen die weitläufigen Militärzonen des Landes ihre Gebiete, und sonst unzugängliche Berge, Wadis und geologische oder archäologische Sehenswürdigkeiten können erwandert werden! Nach vorheriger Anmeldung der Wanderung beim Militär, welche all diese Unternehmungen streng überwacht und kontrolliert.

Unser Kletterfreund Yuval (Hebr. für Bach oder Strom) nahm die Organisation in seine Hände, meldete uns beim Militär an, und buchte uns einen der hier bei Mehrtageswanderungen oft üblichen und notwendigen Transport- und Wasserdienstleister. Diese werden dafür bezahlt, uns per 4×4 zum Start zu bringen, an allen vorher festgelegten Nachtlagern Wasser zu verstecken, und uns am Ende per 4×4 von unserem Endpunkt wieder zurück in die asphaltierte Zivilisation zu bringen. In unserem Fall beinhaltete das den Transport von 6 Personen und jeweils 6 L Wasser pro Person pro Campingplatz für 450 NIS/Person also um die 100 Euro. Martin kaufte die Wanderkarte und wir beide kauften alles ein, was es auf die Einkaufsliste geschafft hatte: Müsli, Milchpulver, Tortillas, Noriblätter, Thunfisch, Tahini, Reis, Linsen, Kaffee, Datteln und Erdnussbutter.

Schattenwanderer

Und dann war es am Tag der sechsten Chanukka-Kerze endlich soweit und wir schnürten nach Feierabend unsere Rucksäcke zusammen und fuhren mit Yuval im Dunkeln 1,5 Stunden gen Süden nach Sde Boker. Dort konnten wir bei einer Freundin von Leila (Hebr. für Nacht) die Nacht verbringen nachdem wir all die Einkäufe portioniert und verteilt hatten. Wir, das waren Martin und ich, Yuval (Israeli, Kletterfreund, ehem. Kollege am Department), Leila (Amerikanerin, Kollegin am Department) und ihr Freund Martins (Lette, Chemiker am Weizmann) sowie Zane (Lettin, Kollegin am Department). Ein lustiges kleines Trüppchen, das neben der verbindenden Sprache Englisch immer mal wieder paarweise lettisch, hebräisch und deutsch aufwies.

Am nächsten Morgen ging es noch vor Sonnenaufgang und Frühstück eine weitere halbe Autostunde gen Süden nach Mitzpe Ramon. Dort wurden wir von unserem Fahrer abgeholt und mit einem sehr in die Jahre gekommenen 4×4 Bus zum Mount Ramon gefahren. Unterwegs erzählte er uns von seiner Jugend im Kibbuz Hulda, seiner Flucht in die Einsamkeit von Mitzpe Ramon, seinen Sinai-Trips und Violin-Stunden. Ich war mit Martin schon einmal in schönster Augusthitze am Mt. Ramon, dem höchsten Berg der Negev mit 1037 m, gewesen. Dieses mal empfing er uns gewohnt windig aber tief in Wolken gehüllt mit zartem Nieselregen. Wir suchten uns eine kleine Höhle, um uns vor Wind und Regen zu schützen, und genossen unser erstes Frühstück im Freien.

Unser erster Tag sollte uns in ca. 15 km in Wolken an den westlichen Kraterrand des Machtesch Ramon führen, an seinem Kraterrand entlang gen Osten bei zunehmend blauerem Himmel und wärmenden Sonnenstrahlen, dann hinunter zur Sohle des Kraters, um diese nach Südosten hin zu queren und auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinaufzusteigen zum Mount Ido mit herrlichem Rundumblick, und schlussendlich hinunter zu einem breiten Wadi und gemütlich bei leichtem Regen und Wüstenregenbogen auf einer 4×4 Piste zum Nachtcamp zu gelangen. Im warmen Licht der Abendsonne suchten wir unser Wasser, bauten die Zelte auf, und wärmten den Eintopf, welchen Zane für diesen ersten Abend vorbereitet hatte.

Noch vor Sonnenaufgang wurde ich von Kondenswasser geweckt, welches sich an der Innenseite des Zeltes gebildet hatte, und nun zielsicher in mein Gesicht tropfte. Ich packte mich warm ein (zum Glück hatte ich meine Wintermütze mitgenommen!) und stiefelte im Dämmerlicht auf den nächsten Hügel, von wo aus ich den Wechseln der Nacht zum Tag und das Abklingen der nächtlichen Geräusche verfolgte. Dann suchte ich mir einen idyllischen Ort für meine Morgentoilette (ein delikates Detail von Wüstenwanderungen: da auch biologische Dekompostierung langsam vonstatten geht, nimmt man das Klopapier zur Entsorgung mit nach Hause), und als auch der letzte aus dem Zelt gekrochen war, gab es unser zweites Frühstück im Freien.

Unser zweiter Tag führte uns in ebenfalls ca. 15 km ein Stück auf 4×4 Pisten zu den nahe gelegenen Be’erot Oded (Oded Brunnen), mehrere in den Boden eingelassene und mit Steinmauern befestigte Brunnen, welche seit Jahrhunderten von Bedouinen als Wasserquelle auf der Durchreise genutzt werden. Nicht alle führten noch Wasser, aber an einem Brunnen hing sogar ein Seil mit Eimer, und wir konnten aus ca. 4 m Tiefe klares Wasser heraufziehen. Probieren wollte dann aber doch keiner. Etwas den Hang hinauf befand sich eine alte Bedouinen-Begräbnisstelle mit mehreren aufgetürmten Steinhügelgräbern. Nach dieser kurzen Entdeckungstour stiegen wir aus dem Wadi hinauf auf ein großes Plateau und wanderten ein paar Stunden über flaches, steiniges Gelände ab und zu unterbrochen von zart begrünten Wadis zum Mount Arif. Bevor wir jedoch zum finalen Aufstieg antraten, genossen wir auf einer kleinen Anhöhe den Blick auf die zurückgelegten Kilometer und den vor uns liegenden Berg. Hier rollte ich auch meine erste Wander-Sushi-Rolle: eine Tortilla, oben drauf ein Noriblatt, dann eine halbe Dose Thunfisch, etwas Parmesan und Tahini – zack, fertig, Wander-Sushi! Und wir trafen zum ersten Mal Flora, eine Kollegin aus dem Labor, welche beinahe dieselbe Tour zur selben Zeit mit einer geführten Wandergruppe machte. So klein ist die Welt.

Durch einen tiefen Wadi ging es steil hinauf zu einem kleinen Sattel, und von diesem – eingereiht in eine Karavane aus Tagestour-Wanderern (den Rucksäcken nach zu urteilen) aller Altersklassen – die letzten Höhenmeter hinauf zum Gipfel. Auch dieser bot einen fantastischen Rundblick bis über das Jordantal hinüber zu den Jordanischen Bergen. Direkt unterhalb des Gipfel des Mt. Arif sind zwei weitere kleine dieser Machteschs zu finden. Wir guckten lange in die Landschaft, versuchten unser Nachtlager auszumachen und unsere morgige Tagesetappe zu finden inklusive des Tafelberges Mount Harkom, auf welchem wir morgen enden sollten.

Dann begaben wir uns im warmen Licht der Abendsonne auf den gemütlichen Abstieg. Diesmal waren wir nicht alleine am Nachtlager: mehrere große Transportjeeps waren bereits vor Ort und hatten Zeltlager, Büffets und Lagerfeuer für die nach uns eintrudelnden Tageswanderer vorbereitet, mit Generatoren für ausreichend Beleuchtung, Tischen und Stühlen und was man sonst so für einen gediegenen Abend in der Wüste benötigt. Wir entsteinten und ebneten uns einen Zeltplatz, suchten und fanden unser Wasser zwischen von Urin und Kot gut gedüngtem saftig-grünen Gras, und machten uns ans Kochen: Linsen und Reis. Zur Überraschung und Freude tauchten aus mehreren Rucksäcken kleine Gaumenfreuden auf: Fleischwurst von Martins, eine Süßkartoffel von Leila, etwas Whiskey von Zane. So verbrachten wir einen äußerst gemütlichen und fröhlichen Abend unter fantastischem Sternenhimmel mit gut gefüllten Mägen und einem warmen Salbei-Tee mit Zucker zum Abschluss, welcher nur kurz von den Starts und Überflügen mehrerer Kampfflugzeuge unterbrochen wurde.

Unser letzter Wandertag begann wie gewohnt mit Kondenswassertropfen im Gesicht. Da es ein langer Tag werden sollte (28 km), brachen wir ohne Frühstück auf und legten die ersten Kilometer im zarten Licht des anbrechenden Tages zurück. An einer Wegkreuzung vor dem ersten längeren Anstieg genossen wir unser drittes Frühstück im Freien. Vor uns lagen mehrere Hügel und Wadis, ein steiler Abstieg und langer Marsch in einem von weißen Steinkieseln gefüllten breiten Wadi zwischen dem Mount Haspas und Mount Michael, welcher das Laufen schwer machte. In seinen Hängen entdeckten wir wie Bienenwaben in die Felsen gebaute kleine Steinhäuser – wer da wohl drin gewohnt hat? Dann kreuzten wir zu einem weiteren Steinkiesel-Wadi und gelangten endlich zum Be’er Karkom, einem weiteren alten Brunnen, und unserem angestrebten Ort für die Mittagspause. Heute hatte es endlich Temperaturen, die der Negevwüste alle Ehre machten, und so suchten wir uns einen Platz im Schatten, und rollten Sushi. Gestärkt von einem starken Kaffee und einer Dattel waren wir bereit für unsere letzte Etappe für heute.

Wir erklommen einen Bergkamm und folgten diesem langgezogenen Grat an seiner Steilkante gen Süden Richtung Mount Karkom, immer mit Blick hinab zum Wadi Karkom. Ab und zu konnten wir Raben beobachten, die auf Augenhöhe mit dem Wind an der Steilkante spielten. Über mehrere Kilometer wanderten wir mit wenigen Höhenmetern und herrlichem Blick im sanften Licht der Nachmittagssonne hinüber zum Tafelberg, welcher sich vor uns immer deutlicher im Gegenlicht abzeichnete. Immer wieder lag der Blick frei über von Wasser zerfurchtes Gelände hinüber nach Jordanien. Irgendwann ging der Grat über in das weite Plateau des Tafelberges, eine planierte Ebene übersät von schwarzen Feuersteinen in allen Größen und Formen, welche die untergehende Sonne reflektierten. Ab und zu war diese schwarze Masse unterbrochen von kreisrunden weißen Flächen ohne einen einzigen Feuerstein mit weichem, weißen, kreideartigem Boden. Ich witzelte noch darüber „…dass das mal ein guter Zeltplatz wäre!“ und las tatsächlich später, dass dies die Überbleibsel von Behausungen aus der Steinzeit sind.

Im unvorstellbar kitschigen Rot der Abendsonne erreichten wir die Seite des Tafelberges, an welcher wir zum Wadi und unserem Nachtlager absteigen würden, und erblickten einen Festival-ähnlichen Campingplatz zum Bersten überfüllte mit Autos, Familien mit Kindern, Hunden, Beleuchtung, qualmenden Lagerfeuern, Musik und und und… oh je… einatmen, ausatmen, und hinein ins Getümmel. Wir suchten uns einen Platz für unsere Zelte und Martin und Yuval begaben sich auf Wassersuche (dieses Mal hatte unser Service versagt, wir fanden nur alte deutlich verstaubte Flaschen und weniger als vereinbart), Leila und Martins gingen auf Biersuche (und ergatterten in der Tat drei kleine Flaschen für uns), und Zane und ich ebneten im Dunkeln mit Stirnlampe den Zeltplatz. Die Reis-Linsen-Menge war wohl nicht ganz genau bemessen worden, so dass wir uns diesen Abend herumschlugen mit viel zu viel Linsen und Reis und viel zu wenig Platz für neues Wasser und zum Rühren in unseren Töpfen… endlich war auch das irgendwie geschafft (wir hätten noch vier weitere Personen füttern können).

Den Rest des Abends ließen wir mit den notwendigen Dingen ausklingen. Martin entdeckte bei seiner Suche nach einem ungestörten Platz für seine Bedürfnisse eine wunderschöne Felszeichnung, und kurz vor dem Schlafsack trabten wir beide noch einmal auf der 4×4 Piste hinaus ins Gelände, um noch einen letzten ungestörten Blick in den Sternenhimmel zu werfen.

Und da war er auch schon, der vierte und letzte Tag, der ganz im Zeichen des Mount Karkom stehen sollte. Dieser Berg, der vielleicht der eigentliche Berg Sinai sein könnte, auf dem Moses die 10 Gebote erhalten hatte (laut einem einzigen überzeugten Historiker, Emmanuel Anati). Dieser Berg, der Zeugnisse beherbergt von jahrtausendelanger Nutzung als Feuerstein-Quelle in der Steinzeit bis hin zum Ort für Glaubensrituale in der Bronzezeit, und der daher seit 2000 als UNESCO-Welterbe kandidiert. Nach unserem letzten Frühstück im Freien tingelten wir los. Leila, Martins und ich mit einer kleinen Papierkarte bewaffnet, welche wir an einem Informations-Stand (!) erhalten hatten, und die alle wichtigen Punkte kennzeichnete. Während Zane, Yuval und Martin geduldig auf uns warteten, versuchten Leila und ich all die Felszeichnungen, Steinkreise und ähnliches zu finden. Ab und zu hob Zane (Department für Archäologie) einen Feuerstein auf und erläuterte uns, warum dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit menschlicher Bearbeitung entstammte.

Hier nun eine Übersicht über die Dinge mit eventuell archäologischem Wert, die wir fanden:

  • einen Kreis aus 12 stehenden Steinen (die 12 Stämme Israels?)
  • Felszeichnungen von
    • Steinböcken
    • Skorpionen
    • Männern, die Steinböcke jagen oder reiten
    • einem Auge
    • Tafeln, die vlt. die 10 Gebote repräsentieren
    • ein Hut oder eine Schlange, die einen Elefanten verspeist hat
    • Quallen
    • ein bronzezeitliches Fahrrad
  • einen versteinerten Granatapfel

Kurz vor Mittag begaben wir uns auf den Rückweg, da wir gegen 12 Uhr abgeholt werden sollten. Wir machten es uns mit unseren Rucksäcken bequem, verspeisten die letzten Köstlichkeiten aus unseren Rucksäcken: Parmesan und Salami von uns, dunkles russisches Brot von Martins, Kaffee und die letzten Datteln von Yuval, und warteten auf das Eintreffen unseres Fahrers. Dann ging es über spannende 4×4 Pisten zur Route 10, welche uns direkt am Grenzzaun zu Ägypten nach Norden brachte. An einem Militärstützpunkt passierten wir eine Schranke, wechselten Auto und Fahrer, und fuhren die letzten Kilometer zurück nach Mitzpe Ramon und unseren Autos. Noch mal zwei Stunden später und wir waren zurück in Rehovot und unserem Alltag. Die Muskeln noch müde von den letzten Tagen und der Kopf voller Erinnerungen.

Jedem seine Schweiz!

Wer kennt sie nicht, die kleine Schweiz gleich bei sich um die Ecke?

Sei es die Sächsische Schweiz bei Dresden, die Mecklenburgische Schweiz und die Rostocker Schweiz bei Rostock (die Mecklenburger haben sich nicht lumpen lassen!), die Holsteinische Schweiz bei Lübeck (der höchste Berg ist der Bungsberg mit stolzen 168 m), die Märkische Schweiz bei Müncheberg, oder auch die TÜV Thüringen Schweiz AG (mit Sitz in Solothurn, Schweiz – what?!?). Jeder hat gern seine eigene kleine Schweiz gleich bei sich um die Ecke. Da ist die Welt noch in Ordnung. Die Natur noch schön. Das Essen noch gut. Die Züge noch pünktlich.

Und so verwunderte es mich auch gar nicht so sehr, als ich bei der Suche nach einer Wanderung über eine Tour im „Little Switzerland“ von Israel stolperte. Na das wollen wir doch mal sehen.

Es ist Herbst in Israel. Pünktlich zum 1. November fing es an zu regnen, und es regnete nach über einem halben Jahr ganz ohne Regen stolze sieben Tage lang, und weichte nach und nach das geduldig angesammelte Konglomerat aus Hundeurin, Katzenurin, Menschenurin, Müll, Essenresten und was sonst noch seinen Weg auf den Erdboden gefunden hatte aus dem Boden heraus und beförderte es eventuell sogar gegen Ende der Woche in Richtung Kanalisation. Eine ganz besonders famose Zeit, um Menschen mit viel Fantasie den Weg zur Arbeit auszuschmücken. 🙂

Und am Ende dieser regenreichen Woche fuhren mein Kollege Guy, die befreundete Chemikerin Lucia, Martin und ich (man könnte auch sagen das Team Palmachim-Strand des Corona-Sommers 2020) in die frisch gewaschene, saubere Kleine Schweiz Israels, welche sich 1.5 Autostunden nördlich von Rehovot und direkt neben Haifa befindet.

Das „Little Switzerland“ ist Teil des Karmelgebirges, eine Kalksteinformation südlich von Haifa mit herrlichem Blick aufs Mittelmeer und auf das vorgelagerte Leviathan Erdgasfeld. Eine Gegend, die viele Geschichten erzählen kann: angefangen bei der Feuerprobe des Propheten Elias, über den Karmeliterorden, bis hin zu den Höhlen, in welchen zeitgleich Homo neanderthalensis und Homo sapiens lebten (UNESCO Welterbe) oder dem 2019 entdeckten Karmeltazit, „ein Mineral, das man zuvor nur in extraterrestrischen Körpern gefunden hatte“…

Wir fuhren für einen Sonnabendmorgen früh los (7:30) und erreichten pünktlich 9:00 den noch vollkommen leeren Parkplatz. Rucksack auf, und los ging es über Stock und Stein hinab in den Nahal Kelach, im Schatten desselben gen Mittelmeer, und nach einer kurzen Mittagspause wieder hinauf in die Sonne und zurück zum Parkplatz, der mittlerweile überquoll vor Familien mit Grillausrüstung.

An einer Stelle nahmen wir den falschen Wanderweg, aber fanden so mehrere Schilder, Absperrungen und Hinweise auf Hebräisch (Guy übersetzte), welche über das Vorkommen von Madonna-Lilien aufklärten, welche wohl hier im Frühjahr blühen – ein Grund im April wiederzukommen! 🙂

Bevor wir wieder zurück fuhren, hielten wir noch am südlichen Ende des Karmelgebirges in Zikhron Ya’akov und besuchten eine Ziegenkäserei, in welcher Martin mit seiner Arbeitsgruppe vor über einem Jahr mal gewesen ist. Zum Sitzen war es zu klein und eng, gerade jetzt zu Corona-Zeiten keine gute Idee. Aber man kann ja Käse für zuhause kaufen! Israel ist kein Land für Kühe, dafür für Ziegen, und so gibt es fast überall kleine Ziegenfarmen, die neben Käse meist auch Oliven, Wein und Feigenpaste verkaufen.

Tjaa, ansonsten bleibt mir noch zu erwähnen, dass gerade eine leckere Jahreszeit angebrochen ist. Es ist die Zeit von Grapefruits, Drachenfrüchten und Kaktusfrüchten und noch so allerlei anderen Dingen. Und so genießen wir momentan unser Müsli am Morgen in lustigen Rottönen, und ab und zu presst Martin am Wochenende mit der hier üblichen Saftpresse, die auch auf den Märkten zu finden sind, einen Grapefruitsaft… mmhhh!!!

Und wir grübeln natürlich über Weihnachten und erörtern unsere Möglichkeiten. Quarantäneauflagen in Deutschland und Israel sind zu erwägen. Der Chef von Lucia steckte zum Beispiel fast zwei Monate in Polen fest und konnte nicht wieder zurück nach Israel. Die Zahlen hier sind momentan in Folge des Lockdowns (letzte Woche haben die Friseure wieder aufgemacht, Restaurants sind aber noch geschlossen) immernoch erträglich niedrig, dafür steigen sie ja gerade in Deutschland. Als würde man versuchen bei hohem Wellengang von einem Boot an Land zu springen! 😀

%d Bloggern gefällt das: